Während die Rufe nach einer Vier-Tage-Woche immer lauter werden, ertönt aus der Vorstandsetage von Mercedes-Benz eine Gegenstimme. CEO Ola Källenius warnt, dass Deutschland und damit auch Europa auf eine wirtschaftliche Katastrophe zusteuern, wenn sich die Einstellung nicht ändert. Seine Botschaft ist harsch: Die Zeit des Zurücklehnens ist vorbei.
In einem Interview mit der deutschen Wochenzeitung Der Spiegel zeichnet Ola Källenius ein düsteres Bild der aktuellen Situation. Nach Ansicht des schwedischen Topmanagers entwickelt sich Deutschland seit 10 bis 15 Jahren in die falsche Richtung.
Die Kombination aus himmelhohen Arbeitskosten, teurer Energie und einer erdrückenden Steuerlast macht das Land für Unternehmer zunehmend unattraktiv. „Wenn wir nichts tun, droht eine gefährliche Stimmung, in der Populisten an die Macht kommen, die keine Lösungen haben“, warnt er. Die Befürchtung ist, dass das wirtschaftliche Unbehagen zum Nährboden für politische Instabilität und Radikalisierung wird.
Seine Analyse ist scharf und konfrontativ. Deutschland hat die höchsten Arbeitskosten der Welt, aber die Produktivität hält nicht mehr Schritt. Källenius verwendet eine Fußball-Metapher, um das Problem zu verdeutlichen:
„Das ist, als würde man vor einer Weltmeisterschaft sagen, dass wir genug trainiert haben, während der Gegner doppelt so hart trainiert. Jeder weiß, dass man auf diese Weise nicht Weltmeister wird.“ Das ist ein direkter Hohn auf die Kultur, in der die Freizeit als heilig erklärt wird, während die Konkurrenten in Asien und Amerika das Gaspedal durchtreten und Marktanteile abgreifen.
Mehr Stunden investieren
Die Lösung? Mehr arbeiten. Källenius ist nicht gegen Teilzeitarbeit für Menschen mit Betreuungspflichten, die er als ein wunderbares Instrument zur Bindung von Talenten bezeichnet. Aber er sieht einen Trend, bei dem weniger Arbeit ohne Not die Norm wird.
„Wir müssen insgesamt wieder mehr Stunden machen, sonst gerät unsere einzigartige Produktivitätsmaschine ins Stocken“, sagt er. Er betont, dass er keine asiatischen Verhältnisse mit 80-Stunden-Wochen will, sondern dass das derzeitige Niveau unhaltbar ist, wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen. Andernfalls wird das Kapital einpacken und dorthin gehen, wo sich das Geschäft lohnt.
Europa macht Fehler
Nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa muss den Kopf hinhalten. Källenius kritisiert die Brüsseler Tendenz, alles mit Auflagen, Verboten und Bußgeldern zu regeln. Er plädiert für einen radikalen Kurswechsel hin zu marktwirtschaftlichen Anreizen und massiven Investitionen in die Infrastruktur.
Ob in der chemischen Industrie, der Stahlindustrie oder im Automobilsektor, „Europa macht überall die gleichen methodischen Fehler und verliert dadurch langsam aber sicher seine Wirtschaftskraft.“ Die Bürokratie wirkt als Innovationsbremse, während andere Regionen den Unternehmen den roten Teppich auslegen.
Er steht auch dem Verbot von Verbrennungsmotoren im Jahr 2035 kritisch gegenüber. Er begrüßt zwar die Öffnung für technologische Alternativen, warnt aber davor, dass zu viele Vorschriften den Markt schrumpfen lassen. „Man kann kein Wachstum schaffen, indem man den Menschen vorschreibt, was sie zu welchem Zeitpunkt denken und wollen sollen“, sagt er.
Es ist eine klare Aufforderung an die Politiker: Geben Sie der Wirtschaft Raum, oder akzeptieren Sie, dass der Wohlstand schwindet. Die Zeit, in der sich Europa auf vergangene Erfolge stützen konnte, ist definitiv vorbei, so der Mercedes-Chef.
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